Organspenden retten Leben
Die Widerspruchsregelung wird dabei nicht weiterhelfen
Sie sind Egoist? Bequem? Gleichgültig gegenüber dem Schicksal Kranker, deren Organe versagen, weil Sie sich nicht entscheiden können, einen Organspendeausweis auszufüllen? Seit Jahren wird uns dies vorgehalten. Der Mensch sei selbstsüchtig und faul, er denke nicht an andere und tabuisiere den Tod. Die Widerspruchsregelung soll uns hartnäckige Egoisten nun endlich austricksen.
Doch für den dramatischen Einbruch der Zahl gespendeter Organe in Folge des Organspendeskandals 2012 sind die immer wieder gescholtenen Bürgerinnen und Bürger nicht verantwortlich. Verantwortlich sind vielmehr die Krankenhäuser. Denn damit jemand überhaupt zum Organspender werden kann, müssen sich die Krankenhäuser engagieren.
Eine bundesweite Auswertung der Sterbefälle in den Krankenhäusern zeigt: Es werden längst nicht alle potenziellen Organspender identifiziert und gemeldet.[1] Denn damit jemand überhaupt zum Organspender werden kann, müssen sich die Mitarbeitenden in den Krankenhäusern engagieren. Sie müssen ein komplexes Meldeverfahren durchlaufen. Manche Häuser machen das vorbildlich. Nicht wenige aber beteiligen sich selten oder gar nicht. In den drei aktivsten Bundesländern gab es 2024: in Hamburg 27, in Sachsen 17,8 und in Thüringen 17 Spenden pro eine Million Einwohner. Dagegen erreichten Nordrhein-Westfalen nur 9,3, Niedersachsen 9 und Sachsen-Anhalt sogar nur 4,7 Spenden. Auch Bayern erreichte trotz mehrerer starker Transplantationszentren nur einen Durchschnittswert von 11,9 Spenden (pro eine Million Einwohner).[2] Im Vergleich zu Sachsen-Anhalt werden in Hamburg also sechs Mal so viele Organspenden realisiert! Würden sich die bevölkerungsstarken Länder so anstrengen wie Hamburg oder Sachsen, könnte die Zahl der Organspender leicht doppelt so hoch ausfallen – ganz ohne Widerspruchsregelung.
Der Blick ins Ausland zeigt: Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Widerspruchsregelung die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen wird.
Zwei europäische Länder haben kürzlich die Widerspruchsregelung eingeführt. Nachdem England 2020 (Schottland 2021, Wales 2015) die Widerspruchsregelung eingeführt hat, sind die Organspendezahlen eingebrochen und bisher nicht wieder auf dem alten Niveau angekommen.[3] Zusätzlich sank fatalerweise auch die Zahl der Lebendspenden.[4]
Die Niederlande hat 2020 die Widerspruchsregelung eingeführt, aber wie man mittlerweile sehen kann, hatte das keinen Effekt auf die Zahl der Spenden nach Hirntod (donation after brain death, DBD). Zwar sind die Organspendezahlen gestiegen. Dies ist aber auf andere Faktoren zurückzuführen: Es gab mehr Spender nach Herztod und nach Euthanasie (donation after cardiac death, DCD).[5] Beides ist in NL erlaubt. Die Zahl der Spenden nach Hirntod und der Lebendorganspenden hat sich dagegen leicht verringert.
Diese Effekte sind auch schon wissenschaftlich untersucht und für eine Vielzahl von Ländern bestätigt worden:
Eine Studie von Arshard et al. 2019 zeigt an Hand einer Untersuchung von 35 Ländern in Europa, Nordamerika und Australien, dass ein Opt-out-System die Spendeaktivität nicht positiv beeinflusst. Im Gegenteil: Es geht die Zahl der Lebendspenden zurück.
“an opt-out system was independently predictive of fewer living donors but was not associated with the number of deceased donors or with transplantation rates. Apart from the observed difference in the rates of living donation, our data demonstrate no significant difference in deceased donation ... activity between opt-out versus opt-in countries.”[6]
Warum wird dann also immer wieder die Öffentlichkeit als Sündenbock ausgemacht? Weil es im Transplantationssystem von Anfang an eine fatale Neigung zu simplen Lösungen gibt. Manche Dogmen werden uns immer und immer wieder eingebläut: So liegt es angeblich an mangelndem Wissen, wenn nicht genug gespendet wird. Deshalb wurde Jahr um Jahr Geld in Kampagnen zur Aufklärung der Öffentlichkeit gesteckt. Wenn wir die Öffentlichkeit nur genug mit Wissen versorgen, so die Vorstellung, dann werden sie schon ihre irrationalen Ängste aufgeben.
Es ist nicht irrational, Angst vorm Sterben zu haben.
Der Tod infolge von Hirntod ist die vielleicht komplizierteste, am wenigsten begreifbare Art des Sterbens. Ein Sterben in völliger Abhängigkeit nicht nur von Geräten, sondern auch von hochspezialisiertem Fachpersonal, das Todesereignis von außen unsichtbar irgendwo im Schädel. Es ist eben keineswegs trivial anzuerkennen, dass ein Mensch tot ist, dessen Herz schlägt, dessen Brustkorb sich hebt und senkt, dessen Körper warm und durchblutet ist. Die Anmutung des Lebendigen ist stark und konterkariert das vergleichsweise theoretische Wissen über den Tod des Gehirns. Abstraktes Wissen und Erfahrungswirklichkeit klaffen auseinander. Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle kollidieren. Die Fachleute sprechen von kognitiver Dissonanz.
Mit dieser kognitiven Dissonanz kämpfen aber nicht nur Laien. Nicht wenigen Ärzten und Pflegenden auf Intensivstationen geht es ganz genauso. Es ist eine Fiktion, dass mehr Fachwissen allein auch mehr Klarheit verleiht. In einer solch extremen Situation sind alle aufs Äußerste herausgefordert. Gerade noch haben sie um das Leben des Patienten gekämpft, jetzt soll alles Handeln auf eine Organentnahme zugunsten eines unbekannten Dritten ausgerichtet werden. Wann endet die eine moralische Verpflichtung, und wann beginnt die andere?
Den Mitarbeitern ist durchaus bekannt, dass es in der Transplantationsmedizin gelegentlich nicht nur um den Patienten, sondern auch um Ruhm, Ehre oder schlicht um Geld geht. Über die individualethischen und organisationsethischen Konflikte, mit denen die Betroffenen ringen, ist wenig bekannt. Systematische Unterstützung erhalten sie nicht. Denn das Problem liegt ja angeblich bei der spendefaulen Bevölkerung, der es leicht gemacht werden soll, der Materie einfach aus dem Weg zu gehen. Obwohl gerade eine bewusste Entscheidung für eine Spende die beteiligten Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte von einem wesentlichen Teil ihrer Verantwortung entlasten könnte. Die eigentliche Abhilfe für den Organmangel wird so versäumt.
Stattdessen wäre es so wichtig zu würdigen, wie sehr alle Beteiligten nach einem für sie verantwortbaren und verträglichen Weg suchen. Wie ihr Wunsch, kranken Menschen zu helfen und sich dabei nicht korrumpieren zu lassen, ernst genommen zu werden verdient. Wie man den komplexen Verantwortungsgefühlen der potenziellen Spender und der Angehörigen von Hirntoten angemessen begegnen kann. Dass es sich um eine moralisch anspruchsvolle Entscheidung handelt, über die wir uns gemeinsam verständigen müssen, vor Ort und insbesondere dann, wenn es um einen konkreten individuellen Menschen und dessen Sterben geht. Dass wir menschliche Größe zeigen können in der Art und Weise, wie wir die Not der auf ein Organ wartenden Kranken zu lindern und zugleich das Sterben eines Individuums würdig zu gestalten versuchen.
Die Transplantationsmedizin erschafft uns als das, was sie in uns sehen will: Die Widerspruchsregelung bestätigt uns als faule Egoisten, denen man kein Fitzelchen Nachdenken zumuten will. Die Entscheidungslösung sieht in uns Persönlichkeiten, die noch im Moment des Todes gemeinsam darum ringen, wie ein dem Menschen gemäßes, verantwortliches Handeln aussehen kann, und die dafür Respekt verdienen.
[1] Schulte et al 2018 weisen auf das Problem der mangelnden Kontakt- und Realisationsquote in den Krankenhäusern hin. Der Organspendemangel beruhe auf einem Erkennungs- und Meldedefizit: https://api.aerzteblatt.de/pdf/115/27/m463.pdf.
Schulte et al 2020 zeigen: Das Organspendepotenzial steigt trotz zunehmender Zahl dekompressiver Kraniektomien: https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=16&typ=16&aid=214830&s=kevin&s=schulte
[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/154765/umfrage/organspender-pro-mio-einwohner-in-deutschland/
[3] https://www.statista.com/statistics/519437/number-of-deceased-donors-united-kingdom-uk/?srsltid=AfmBOoob8LVH65ta1XII-vNP8HNExlipvu549VBMI8-HgLQ0YKziHZy3
[4] https://www.statista.com/statistics/519467/number-of-living-organ-donors-united-kingdom-uk/?srsltid=AfmBOor5I2fYPVqGb_9BDyGIICj3S1Ala7bc4yvJWZlPz2Fuqd1PVOK4
[5] Eurotransplant: file:///C:/Users/Claudia%20Wiesemann/Downloads/1092P_Netherlands-1.pdf
[6] https://www.kidney-international.org/article/S0085-2538%2819%2930185-1/fulltext

